Gastbeitrag: Kommune als Plattform

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Gastbeitrag: Kommune als Plattform

Digitale Kommune und Verwaltung

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Städte und Gemeinden im ländlichen Raum konkurrieren mit Metropolen in Sachen Lebensqualität und Attraktivität.

Um marginalisierte und entfernte Gebiete wieder attraktiver und lebenswerter zu machen, muss die Kommune selbst zur Plattform, zum Forum und zum Marktplatz werden, um unterschiedlichste Aspekte und Akteure zu vereinen. Vielversprechend sind Innovationen, die von Entscheidungsträgern, Wirtschaft, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft mitgetragen werden.

Wie kann diese Mammutaufgabe gelingen? Neben harten Faktoren wie dem Breitbandausbau wird dabei der Digitalisierung eine Schlüsselrolle zugesprochen – gefragt ist hier anwendungsbezogenes Praxiswissen in kleinen und mittleren Gemeinden. Eine Vielzahl interessanter Ansätze aus dem ländlichen Raum existiert bereits heute. Smart und innovativ zu sein, ist nicht per se Metropolen oder dichtbesiedelten Gebieten Vorbehalten und bei genauerem Hinschauen finden sich gleichermaßen interessante wie spannende Projektbeispiele auch in weniger urbanisierten Räumen. Dieser Beitrag liefert eine Übersicht zu aktuellen und herausragenden Digital- und Innovationsprojekten aus der kommunalen Praxis ländlicher Räume.

 

Chatbot für den Ortenaukreis
Der Ortenaukreis ist der Fläche nach der größte Landkreis in Baden-Württemberg. Die Wege zu Rathaus und Kreisverwaltung sind daher manchmal lang. Darum kommt die Verwaltung im Ortenaukreis und der Gemeinde Rust zu den Bürgerinnen und Bürgern nach Hause. So beantwortet beispielsweise ein Chatbot mithilfe künstlicher Intelligenz die Fragen der Bürgerinnen und Bürger zu allgemeinen Themen rund um die Landkreisverwaltung. Der Chatbot ist eine gemeinsame Entwicklung der Ortenauer Kreisverwaltung und der Komm.ONE, der kommunalen IT-Dienstleisterin in Baden-Württemberg. Ein auf Fragen und Antworten programmierter Roboter erspart den Einwohnern der Region so manchen Weg ins Rathaus oder ins Bürgeramt. Sein Name „Ortena“ vermittelt auch digital Nähe und Bezug zur heimatlichen Region.

Auf der Website des Ortenaukreises ergänzt Ortena seit Mai dieses Jahres den zunächst für alle Fragen rund um Corona eingerichteten Chatbot und hält rund 115 Fragen und Antworten sowie 130 digitale Service-Leistungen in einer umfangreichen Datenbank bereit. Diese sind direkt verbunden mit dem Serviceportal des Landes Baden-Württemberg. Unter anderem erteilt der Chatbot Auskünfte über die Öffnungszeiten des Landratsamtes, die Abfallentsorgungsstationen oder die Möglichkeiten zur Ab- und Anmeldung von Kraftfahrzeugen. Ortena „kann" aber auch Small Talk, beantwortet beispielsweise die Frage nach dem Wetter oder dem Namen des Landrats. Der Chatbot der Gemeinde Rust gibt darüber hinaus Auskunft über Dienstleistungen und Angebote der Gemeinde und Informationen für Besucher des Europa-Parks und der Wasserwelt Rulantica. So informiert der virtuelle Bürger-Ansprechpartner zum Beispiel darüber, dass es in der Pandemie-Situation derzeit nur Tagestickets im Online-Verkauf gibt, wo man sie erhält und was sie kosten oder welche Park- und Übernachtungsmöglichkeiten existieren.

Die Experten der Komm.ONE haben den Chatbot unter Anwendung der Methoden der Künstlichen Intelligenz (Kl) entwickelt. Je mehr Bürgerinnen und Bürger den Chatbot nutzen, desto mehr „lernt“ er. Ein spezielles Feedback-Programm trägt dazu bei, dass Ortena mit der Zeit immer effektiver arbeitet. Damit ist in der Landkreisverwaltung und Rust ein wichtiger Schritt zur digitalen Verwaltung gelungen: Die behördlichen Vorgänge werden schneller und transparenter und die Mitarbeitenden werden entlastet. Das Projekt ist durch das Förderprogramm „Future Communities“ des Landes Baden-Württemberg gefördert worden.

 

Palim! Palim! Das kommunale Videokonferenzportal
Wenn Eduard Itrich, der Digitalisierungsbeauftragte der Stadt Bühl von der Einführung der stadteigenen Videokonferenzlösung mit dem Namen „Palim! Palim!“ spricht, wird schnell klar, dass eigene Lösungen gegenüber Angeboten marktgängiger Hersteller hoch im Kurs sind. Mit Entschlossenheit und Erfindergeist hat es die rund zehn Kilometer südlich von Baden-Baden gelegene Stadt Bühl geschafft, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern eine kostenfreie Plattform für Videochats einzurichten. Sehr gefragt war die Plattform vor allem während der Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie. Die Plattform genügt allen sicherheitstechnischen sowie datenschutzrechtlichen Anforderungen. Sogar die Tagesthemen berichteten darüber.

 

Digitaler Dorfplatz im Schwarzwald
Auch im Mittleren Schwarzwald hat man sich digital vernetzt. St. Georgen ist eine Kleinstadt mit circa 13.000 Einwohnern. Seit Ende 2019 hat die Stadt ein eigens eingeführtes Bürger- beziehungsweise Nachbarschaftsnetzwerk im Sinne eines digitalen Marktplatzes etabliert. Bedingt durch die Corona-Krise haben die Nutzerzahlen sprunghaft zugenommen. Heute nutzen rund 3.000 angemeldete Bürgerinnen und Bürger die Plattform. In etwa 250 öffentlichen und privaten Gruppen kommunizieren Bürger, Vereine, Händler, Kirchen, Schulen, Parteien sowie die Stadtverwaltung miteinander. Die Stadt zieht eine erste positive Zwischenbilanz. Während des Lockdowns hat sich die Plattform bestens bewährt und dazu beigetragen, dass Verwaltung, Handel und Gastronomie mit Bürgen, Kunden und Gästen weiterhin miteinander kommunizieren konnten.

 

Lichterketten statt Leuchttürme
Ländliche Regionen tun gut daran, sich zu „smart regions“ zusammenzuschließen, um eine gemeinsame Vorgehensweise beispielsweise beim Thema digitale Verwaltung zu schaffen und Insellösungen zu vermeiden. Deshalb ist es wichtig, so herausragende Praxisbeispiele einzelner Gemeinden wie die genannten auch auf Nachbargemeinden zu übertragen und gegenseitig voneinander zu lernen. Weitere wichtige Faktoren für den ländlichen Raum sind:

  • Aufgeschlossenheit für neue Ideen
  • Informieren, sensibilisieren und vernetzen, um Lichterketten zu erschaffen – statt Leuchttürme
  • Eine gemeinsame Vision und strategische Ausrichtung erarbeiten

 

Autoren:
Bertil Kilian, Komm.ONE AöR, Stellv. Leiter der Geschäftsstelle der Digitalakademie@bw
Felix Fabian Stroh, Fraunhofer IAO, Referent der Digitalakademie@bw

 

Der Artikel erschien unter der Überschrift „Die Kommune muss zur Plattform werden“ in KOPO - kommunalpolitischen blätter, Oktober-Ausgabe (10) 2020.


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Um marginalisierte und entfernte Gebiete wieder attraktiver und lebenswerter zu machen, muss die Kommune selbst zur Plattform, zum Forum und zum Marktplatz werden, um unterschiedlichste Aspekte und Akteure zu vereinen. Vielversprechend sind Innovationen, die von Entscheidungsträgern, Wirtschaft, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft mitgetragen werden.

Wie kann diese Mammutaufgabe gelingen? Neben harten Faktoren wie dem Breitbandausbau wird dabei der Digitalisierung eine Schlüsselrolle zugesprochen – gefragt ist hier anwendungsbezogenes Praxiswissen in kleinen und mittleren Gemeinden. Eine Vielzahl interessanter Ansätze aus dem ländlichen Raum existiert bereits heute. Smart und innovativ zu sein, ist nicht per se Metropolen oder dichtbesiedelten Gebieten Vorbehalten und bei genauerem Hinschauen finden sich gleichermaßen interessante wie spannende Projektbeispiele auch in weniger urbanisierten Räumen. Dieser Beitrag liefert eine Übersicht zu aktuellen und herausragenden Digital- und Innovationsprojekten aus der kommunalen Praxis ländlicher Räume.

 

Chatbot für den Ortenaukreis
Der Ortenaukreis ist der Fläche nach der größte Landkreis in Baden-Württemberg. Die Wege zu Rathaus und Kreisverwaltung sind daher manchmal lang. Darum kommt die Verwaltung im Ortenaukreis und der Gemeinde Rust zu den Bürgerinnen und Bürgern nach Hause. So beantwortet beispielsweise ein Chatbot mithilfe künstlicher Intelligenz die Fragen der Bürgerinnen und Bürger zu allgemeinen Themen rund um die Landkreisverwaltung. Der Chatbot ist eine gemeinsame Entwicklung der Ortenauer Kreisverwaltung und der Komm.ONE, der kommunalen IT-Dienstleisterin in Baden-Württemberg. Ein auf Fragen und Antworten programmierter Roboter erspart den Einwohnern der Region so manchen Weg ins Rathaus oder ins Bürgeramt. Sein Name „Ortena“ vermittelt auch digital Nähe und Bezug zur heimatlichen Region.

Auf der Website des Ortenaukreises ergänzt Ortena seit Mai dieses Jahres den zunächst für alle Fragen rund um Corona eingerichteten Chatbot und hält rund 115 Fragen und Antworten sowie 130 digitale Service-Leistungen in einer umfangreichen Datenbank bereit. Diese sind direkt verbunden mit dem Serviceportal des Landes Baden-Württemberg. Unter anderem erteilt der Chatbot Auskünfte über die Öffnungszeiten des Landratsamtes, die Abfallentsorgungsstationen oder die Möglichkeiten zur Ab- und Anmeldung von Kraftfahrzeugen. Ortena „kann" aber auch Small Talk, beantwortet beispielsweise die Frage nach dem Wetter oder dem Namen des Landrats. Der Chatbot der Gemeinde Rust gibt darüber hinaus Auskunft über Dienstleistungen und Angebote der Gemeinde und Informationen für Besucher des Europa-Parks und der Wasserwelt Rulantica. So informiert der virtuelle Bürger-Ansprechpartner zum Beispiel darüber, dass es in der Pandemie-Situation derzeit nur Tagestickets im Online-Verkauf gibt, wo man sie erhält und was sie kosten oder welche Park- und Übernachtungsmöglichkeiten existieren.

Die Experten der Komm.ONE haben den Chatbot unter Anwendung der Methoden der Künstlichen Intelligenz (Kl) entwickelt. Je mehr Bürgerinnen und Bürger den Chatbot nutzen, desto mehr „lernt“ er. Ein spezielles Feedback-Programm trägt dazu bei, dass Ortena mit der Zeit immer effektiver arbeitet. Damit ist in der Landkreisverwaltung und Rust ein wichtiger Schritt zur digitalen Verwaltung gelungen: Die behördlichen Vorgänge werden schneller und transparenter und die Mitarbeitenden werden entlastet. Das Projekt ist durch das Förderprogramm „Future Communities“ des Landes Baden-Württemberg gefördert worden.

 

Palim! Palim! Das kommunale Videokonferenzportal
Wenn Eduard Itrich, der Digitalisierungsbeauftragte der Stadt Bühl von der Einführung der stadteigenen Videokonferenzlösung mit dem Namen „Palim! Palim!“ spricht, wird schnell klar, dass eigene Lösungen gegenüber Angeboten marktgängiger Hersteller hoch im Kurs sind. Mit Entschlossenheit und Erfindergeist hat es die rund zehn Kilometer südlich von Baden-Baden gelegene Stadt Bühl geschafft, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern eine kostenfreie Plattform für Videochats einzurichten. Sehr gefragt war die Plattform vor allem während der Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie. Die Plattform genügt allen sicherheitstechnischen sowie datenschutzrechtlichen Anforderungen. Sogar die Tagesthemen berichteten darüber.

 

Digitaler Dorfplatz im Schwarzwald
Auch im Mittleren Schwarzwald hat man sich digital vernetzt. St. Georgen ist eine Kleinstadt mit circa 13.000 Einwohnern. Seit Ende 2019 hat die Stadt ein eigens eingeführtes Bürger- beziehungsweise Nachbarschaftsnetzwerk im Sinne eines digitalen Marktplatzes etabliert. Bedingt durch die Corona-Krise haben die Nutzerzahlen sprunghaft zugenommen. Heute nutzen rund 3.000 angemeldete Bürgerinnen und Bürger die Plattform. In etwa 250 öffentlichen und privaten Gruppen kommunizieren Bürger, Vereine, Händler, Kirchen, Schulen, Parteien sowie die Stadtverwaltung miteinander. Die Stadt zieht eine erste positive Zwischenbilanz. Während des Lockdowns hat sich die Plattform bestens bewährt und dazu beigetragen, dass Verwaltung, Handel und Gastronomie mit Bürgen, Kunden und Gästen weiterhin miteinander kommunizieren konnten.

 

Lichterketten statt Leuchttürme
Ländliche Regionen tun gut daran, sich zu „smart regions“ zusammenzuschließen, um eine gemeinsame Vorgehensweise beispielsweise beim Thema digitale Verwaltung zu schaffen und Insellösungen zu vermeiden. Deshalb ist es wichtig, so herausragende Praxisbeispiele einzelner Gemeinden wie die genannten auch auf Nachbargemeinden zu übertragen und gegenseitig voneinander zu lernen. Weitere wichtige Faktoren für den ländlichen Raum sind:

  • Aufgeschlossenheit für neue Ideen
  • Informieren, sensibilisieren und vernetzen, um Lichterketten zu erschaffen – statt Leuchttürme
  • Eine gemeinsame Vision und strategische Ausrichtung erarbeiten

 

Autoren:
Bertil Kilian, Komm.ONE AöR, Stellv. Leiter der Geschäftsstelle der Digitalakademie@bw
Felix Fabian Stroh, Fraunhofer IAO, Referent der Digitalakademie@bw

 

Der Artikel erschien unter der Überschrift „Die Kommune muss zur Plattform werden“ in KOPO - kommunalpolitischen blätter, Oktober-Ausgabe (10) 2020.


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